
Ein Mandarin verliebte sich in eine Kurtisane und bat sie, seine Frau zu werden.
Sie versprach es ihm, wenn er hundert Nächte unter ihrem Fenster wachen würde.
In der neunundneunzigsten Nacht nahm er seinen Stuhl und ging.
(nach Roland Barthes)
zwei Formen von Paarbeziehungen
Grundsätzlich lassen sich zwei Formen von Paarbeziehungen unterscheiden:
die bedingungslose Liebesbeziehung und die auf Austausch beruhende Partnerschaft.
Es handelt sich hier um zugespitzte Beschreibungen, die aber klärende und positiv anregende Wirkungen haben können. Dabei gilt, dass Liebe, wenn sie angestrebt wird, ein gewünschtes Ideal darstellt, das in der ständigen Auseinandersetzung mit dem real Lebbaren steht.
- Was liegt Ihnen näher: Liebesbeziehung oder Partnerschaft?
- In welchem dieser Konzepte sehen Sie sich (in welchen Situationen)?
- Welche Folgen und insb. welche Chancen hat (oder hätte) das?
Die Liebesbeziehung
– ist bedingungslos, also nicht an irgendwelche Konditionen geknüpft.
– Liebe bewertet nicht und ist in diesem Sinne „wert-los“. Sie ruht in sich selbst und sie genügt sich selbst.
– Damit ist sie per se ungerecht. Anders als in der Tauschbeziehung wird hier nicht (auf)gerechnet. Wer der andere ist, was er tut (und ggf. unterlässt), sind Geschenke. Liebe ist kein Nullsummenspiel: Man hat nicht weniger, wenn man gibt.
– Liebesbeziehung ist als Paarbeziehung exklusiv, auf eine Person beschränkt. In der Liebe ist man immer auch abhängig.
– Auf Paarebene ist Liebe allumfassend, sie nimmt den anderen in seiner Totalität an.
– Durch und in der Liebe „ent-deckt“ man sich im anderen neu. Dieses „Sich-Selber-Ent-Decken“ setzt voraus, sich in der liebenden Paarbeziehung in der eigenen erhöhten Sensibilität verletzlich zu machen, an sich weiter „zu arbeiten“ und sich selbstvalidiert zu zeigen.
– Liebe steht dem anderen wohlwollend gegenüber. Darin unterscheidet sie sich vom Verliebtsein ins Gefühl des Verliebtsein, in dem man auf sich selbst bezogen bleibt.
– Um zu lieben, braucht es nur einen Menschen, um zu streiten, zwei.
Der Alltag
All das ist das Ideal von Liebe. Es unterliegt so manchen Schwierigkeiten.
– Letztlich kann man über Liebe nicht reden. Die Benutzung eines Wortes schließt alle anderen Wort(bedeutungen) aus. Liebe aber ist allumfassend.
– Die Vorstellung, dass zwei Liebende sich wortlos und blind verstehen können, scheitert an den Kommunikationsnotwendigkeiten jeder gelebten Zweier-Beziehung. Liebe wird durch den Alltag gestört, dessen Organisation Arbeitsteilung erfordert. D.h. Partnerschaft kann neben oder in der Liebesbeziehung existieren, während das Fundament die Liebesbeziehung ist.
– Es geht hier also um ein Ideal. Das gelebte Leben spielt sich in der ständigen Auseinandersetzung zwischen diesem Ideal und dem Lebbaren ab.
Das Liebesideal als solches zu verstehen, erleichtert es heutzutage, da die Ansprüche an Paarbeziehungen immens hoch geworden sind, mit der Paarbeziehung angemessen umzugehen. Letztlich muss man sich entscheiden zwischen
- der „wahren“, hehren, nicht-befleckbaren, ewig unschuldigen abstrakten Liebe
- und der realen und lebbaren konkreten Liebe.
– Die Liebesbeziehung bedeutet Risiko. Zu lieben ist das Verfolgen einer „Risikostrategie“. Da Liebe sich ereignet (und nicht künstlich erzeugen werden kann), ist die Liebesbeziehung wesentlich einfacher als Partnerschaft, sie beinhaltet aber ein viel höheres Risiko.
Liebe ist zunächst Nichtkonflikt. Damit schließt Liebe immer das Risiko ein, sich plötzlich und unerwartet in einen Konflikt zu verwandeln, in den man dann „ungewappnet“ hineingezogen und (schwer) verletzt werden kann.
– Liebesbeziehungen kann man, anders als Partnerschaften, nicht über Verträge sicher machen. Liebesbeziehungen haben vielmehr etwas Schicksalhaftes.
– Liebe ist und bleibt psychologisch mit einer hohen Ambivalenz besetzt. Der Liebende befindet sich zwischen den Gefühlen maximaler Verschmelzung und maximaler Autonomie.
– „Große“ Liebe zu leben, kann anstrengend und kompliziert sein, weil vieles sich sehr empfindsam anfühlen kann. Hier stellt sich die Frage:
Ist das „Großartige“ enge psychologische Bedürftigkeit (Ego-Drama) oder selbstloses Erleben (Intensität umfassender Intimität)? Um Liebe im selbstlos-spirituellen Sinne zunehmend leben zu können, muss man bereit sein, sich (gemeinsam) umfassend transformieren zu lassen. Sensibilität, Wohlwollen und Bereitschaft, (ggf. auch im Schmerzhaften) sich weiterzuentwickeln, ermöglichen eine Entwicklung, die nicht erzwungen werden kann und die i.d.R. nicht wie im Detail gewünscht passiert. Sie ist aber die Lern- und Erfahrungsbasis und damit Ermöglichung einer zunehmend umfassenden Intimität.
– Oftmals ist die Angst, geliebt zu werden, größer als die Angst zu lieben. Fange ich an, darüber nachzudenken, ob ich es wert bin, geliebt zu werden, lasse ich mich nicht mehr lieben.
Zu spüren, dass Liebe etwas ist, das größer ist als ich, ist eine Sache. Zu denken, dass ich sie nicht wert bin, eine andere.
– Liebe kann man nicht machen oder herstellen, aber man kann sich bewusstwerden, wenn man auf der Partnerschaftsebene (statt auf der Liebesebene) unterwegs bin.
Die Partnerschaft
– Partnerschaft ist eine Tauschbeziehung, ein sich ausbalancierendes Geben und Nehmen nach klaren Kosten-Nutzen-Konzepten (vgl. Wirtschaft). Ein Nullsummenspiel: man hat weniger, wenn man gibt. Über die „Tauschwährung“ (bzw. den „Umrechnungssatz“) besteht oft Uneinigkeit, so dass schnell (wechselseitig) Verschuldung vorgeworfen werden kann.
– Partnerschaft verringert (gegenüber dem Liebes-Modell) Abhängigkeit, Verletzbarkeit und damit auch Intimität und die Tiefe der Verbundenheit. In diesem Sinne versucht sie, Sicherheit herzustellen.
– Partnerschaft zwingt zu mangelorientiertem, sachlichem Tausch, wo Liebe auf die Freiwilligkeit überflussmotivierter Gabe setzt.
– Was und in welchem Maß getauscht wird, ist wichtig. In der Liebe hingegen steht der Gebende im Vordergrund, nicht das Gegebene.
– Zugespitzt: In der Partnerschaft sucht und will man etwas, was man nicht hat. In der Liebe schenkt man etwas, was man hat.
– In der Partnerschaft geht es meist um „etwas“ (weder nichts noch alles). In der Liebe geht es oft um „alles oder nichts“.
– In der Partnerschaft geht es um ökonomische Sparsamkeit und Nützlichkeit. In der Liebe um unökonomische Großzügigkeit und (feiernde) Verschwendung.
– In der Partnerschaft müssen die Partner erklären, warum sie (was) bekommen sollen. In der Liebesbeziehung brauchen weder Gebender noch Nehmender irgendetwas erklären.
– In der Paartherapie gibt es häufig die Konstellation, dass eine der beiden Personen Partnerschaft einklagt, während die andere liebend gerne lieben würde, aber nicht gelassen wird. Das ist eine Ausgangssituation, die der Gefahr unterliegt, auf Trennung hinauszulaufen.
Beispiel Eifersucht
Das liegt an der dahinterstehenden, das Leben und die Paarbeziehung kontrollierenden Dynamik, die sich am Beispiel von Eifersucht gut veranschaulichen lässt.
– Eifersucht und Liebesbeziehung schließen sich aus, da die Liebesbeziehung davon ausgeht, dass der Partner ein Geschenk ist, während die Eifersucht mit Eifer danach sucht, den anderen zu besitzen. Eifersucht ist eine abhängige Beziehung, die auf Kontrolle und Zwang zurückgreift; eine Strategie der Machtlosigkeit.
– Der Kontrollierte, der nach der Arbeit sofort nach Hause kommen muss, kann das nicht mehr freiwillig tun. Der Überwachte, der auf jeden Flirt verzichten muss, kann die Grenzen, die seine Paarbeziehung schützen und Ausdruck ihrer Exklusivität sind, nicht mehr frei(willig) bestimmen. Er muss beweisen, dass er den anderen liebt, und kommt auf diese Weise in eine Sei-spontan-Paradoxie hinein: Liebe ist ein Geschenk, ihm ist es aber nicht mehr gestattet zu schenken, während er jedoch gleichzeitig schenken muss, um seine Liebe (auf Verhaltensebene) zu zeigen.
– Die gewaltsame Forderung, um die es geht, lautet in etwa so: „Liebe und begehre mich richtig und noch mehr; wenn nicht, mach ich dich fertig.“ Im Gegensatz dazu ist die freiwillige Unterwerfung unter Liebe Teil der Liebesbeziehung: „Alles, was du mit mir machst, ist okay.“ Freilich kann der Kontrollierte versuchen, unabhängig vom anderen das zu tun, was er will, und das Müssen als freiwilliges Wollen sich vor Augen zu halten. Aber das wird unter Umständen langfristig als zunehmend schwerer erlebt und irgendwann macht es dann keine Freude mehr.
– Der Kontrollierte versucht aus Angst vor Beziehungsstress, sich an den Geliebten und seine Forderungen anzupassen. Eifersucht steht als permanente Drohung ständig im Hintergrund. Sie ist der Versuch, eine Machtbeziehung zu etablieren. Untreue des Kontrollierten kann hier Treue zu sich selbst sein. Der Eifersüchtige verliert den Kontrollierten, weil der sich in der Beziehung verliert. Eifersucht erzeugt nur Opfer.
– Das Paradoxe daran ist, dass der Eifersüchtige eigentlich eine Liebesbeziehung will, dabei jedoch glaubt, sie erzwingen zu müssen. (Vielleicht, weil er es nicht wert sei, geliebt zu werden.) Er glaubt, er liebe, wenn er eifersüchtig ist. Im Grunde will der Eifersüchtige geliebt werden, während er (noch) nicht weiß, wie es geht, eine Liebesbeziehung zu leben.
Die Gegenüberstellung dieser beiden Modelle von Paarbeziehung orientiert sich an:
Retzer, Arnold: Systemische Paartherapie, Stuttgart 2017.